Bauernbund | 15.07.2012

Stopp dem Flächenfraß

Südtiroler Bauernbund fordert Umdenken bei Flächennutzung – Flächensicherung ist Jahresthema

Der Südtiroler Bauernbund ist alarmiert: Täglich werden Wiesen und Weiden in der Größe eines Fußballfeldes verbaut. Alle 20 Jahre verdoppelt sich damit die überbaute Fläche. Wenn die Entwicklung so weitergeht, ist in spätestens 150 Jahren die gesamte bebaubare Fläche verbraucht, hat der SBB berechnet. Er fordert daher einen nachhaltigeren Umgang mit Grund und Boden und effiziente Planungs- und Steuerungsinstrumente.

In den vergangenen Jahrzehnten ist in Südtirol gebaut worden, was das Zeug hält: „Von 1968 bis heute hat sich die verbaute Fläche im Land mehr als verdreifacht – auf über 14.300 Hektar im Jahr 2007. Jährlich wurden 200 Hektar an vorwiegend landwirtschaftlicher Nutzfläche für Wohn- und Gewerbebauten sowie andere Einrichtungen verbaut. Hinzu kommt noch ein jährlicher Flächenverbrauch von 70 Hektar für Verkehrsinfrastrukturen - das entspricht insgesamt der Fläche eines Fußballplatzes, die täglich den Baggern zum Opfer fällt.“, erklärt Bauernbund-Direktor Siegfried Rinner. Die Zahlen stammen aus einer Studie zum Flächenverbrauch, die das Institut für Sozialforschung und Demoskopie Apollis im Auftrag des Südtiroler Bauernbundes erhoben hat.
Die Folge des Baubooms der letzten Jahrzehnte: Knapp ein Drittel der bebaubaren Fläche Südtirols ist bereits verbaut. „Wenn wir so weitermachen, ist in spätestens 150 Jahren alles zubetoniert. Was sollen dann die zukünftigen Generationen machen?“, fragt sich Rinner.

Landwirtschaft spürt Flächenverbrauch am meisten
Da bebaubarer Grund und Boden in Südtirol nur beschränkt verfügbar und nicht vermehrbar ist, fordert der Südtiroler Bauernbund ein radikales und nachhaltiges Umdenken. Denn immer weniger Kulturgrund hat negative Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt, die Umwelt, den Tourismus usw. Vom Flächenverbrauch besonders betroffen ist die Landwirtschaft. „Die potentiell noch bebaubare Fläche besteht vor allem aus landwirtschaftlichem Kulturgrund. Und dieser ist die Arbeits- und Lebensgrundlage unserer Bäuerinnen und Bauern. Je mehr verbaut wird, desto weniger Fläche bleibt für die landwirtschaftliche Nutzung und damit für die Lebensmittelproduktion. Daher haben wir die Flächensicherung zu unserem Jahresthema gemacht“, erklärt Bauernbund-Obmann Leo Tiefenthaler, der auf einen breiten Konsens in der Bevölkerung hofft. „Das Thema wird in weiten Teilen der Gesellschaft gespürt. Viele Bürger sehen, dass dringend gehandelt werden muss.“

Umdenken nötig – mehr Nachhaltigkeit
Wie nun Flächen schützen, ohne vor allem den privaten Wohnbau – Familien und Einzelpersonen sollen auch weiterhin die Möglichkeit haben, die eigenen vier Wände zu erschwinglichen Preisen zu errichten – oder den Gewerbebau zu ersticken?
Der Südtiroler Bauernbund fordert eine genaue Beobachtung und Analyse der Bautätigkeit. „Wir haben im Zuge der Studie festgestellt, dass Daten zum Flächenverbrauch fehlen. Hier braucht es ein neues, aussagekräftiges Monitoringsystem und eine regelmäßige Berichterstattung zum Flächenverbrauch und zur Flächenverfügbarkeit“, stellt Tiefenthaler klar.
Ebenso wichtig sind effiziente Steuerungs- und Kontrollinstrumente. „Wir brauchen klare Flächenziele, die die Politik vorgeben muss und die garantieren, dass zukünftig weniger wertvoller Kulturgrund verbaut wird. Im neuen Landesentwicklungs- und Raumordnungsplan müssen diese festgeschrieben werden.“
Zudem müsse auch die Flächennutzung kritisch hinterfragt werden. „Bei den über fünf Millionen Kubikmetern Bauvolumen, die in den letzten fünfzehn Jahren jährlich genehmigt wurden, fällt der hohe Anteil an Nichtwohngebäuden auf, die vom Volumen her die Wohngebäude überholt haben. Hier stellt sich die Frage, ob wir nicht zu großzügig Gewerbegebiete und Verkehrsinfrastrukturen, aber auch öffentliche Einrichtungen umgesetzt haben“, sagt Tiefenthaler. Besonders für Verkehrsinfrastrukturen wurde viel wertvoller Grund geopfert. Zudem fällt auf, dass die Bautätigkeit stark angebotsorientiert ist. „Die Bauindustrie und die Immobilienbranche müssen sich in Richtung eines nachhaltigen Umgangs mit der Ressource Boden entwickeln. Es wäre wünschenswert, wenn nur mehr für den aktuellen Bedarf gebaut würde“, so Tiefenthaler.

Sanierung statt Neubau
Stärker als bisher muss die Wiedergewinnung von nicht oder nur wenig genutztem Gebäudebestand in den Mittelpunkt rücken. „Es ist erschreckend, wie viele Gebäude leer stehen.“ Zudem könnte die Baudichte erhöht werden. „Durch gezielte Förderungen, Steuererleichterungen, raumordnerische Vorgaben und eine gezielte Sensibilisierung lässt sich so viel wertvoller landwirtschaftlicher Kulturgrund sparen. Sanierung statt Neubau muss das Credo lauten“, ist Tiefenthaler überzeugt. Auch dürfe die Umwidmung von Wald oder Ödland in Bauzonen kein Tabu mehr sein.
Und nicht zuletzt brauche es auch ein Umdenken in der Landwirtschaft selbst. „Auch die Bäuerinnen und Bauern sind manchmal zu großzügig mit ihrem Grund und Boden umgegangen. Hier müssen wir auch unsere eigenen Mitglieder mehr sensibilisieren“, sagt Tiefenthaler.

Auftakt zu breiter Diskussion
Die Studie soll der Auftakt zu einer breit angelegten Diskussion in allen Gesellschaftsschichten über die zukünftige Nutzung von wertvollem Kulturgrund sein. „Das Thema geht alle an“, so Tiefenthaler.