Bauernbund | 19.04.2011

Auswirkungen der Japan-Krise auf die Agrarmärkte

Japan ist weltweit größter Importeur von landwirtschaftlichen Rohstoffen

Kein anderes Industrieland weist eine so geringe landwirtschaftliche Selbstversorgungsquote auf wie Japan (2008: 41% auf Kalorienbasis). Japan, als größter weltweiter Importeur von Nahrungs- und Futtermitteln, wird aufgrund der verheerenden Katastrophe am 11.03.2011 seine Einfuhren weiter steigern müssen, da wichtige landwirtschaftliche Produktionsgebiete im Nordosten des Landes strahlenkontaminiert sind und deshalb der Selbstversorgungsgrad auf rund 30% sinken wird. Die Auswirkungen der Katastrophe auf die weltweiten Agrarmärkte wurden in einer Studie der Rabobank International untersucht.

Futter- und Lebensmittelimporte
Japan importiert 75% der benötigten Futtermittel und ist mit 16 Mio. t der weltweit größte Maisimporteur. Das entspricht einem Volumen von 2% der Mais-Weltproduktion beziehungsweise 30% der EU-27. 85% der in Japan für Futterzwecke verwendeten Sojabohne (3,5 Mio. t) werden eingeführt, was einem Anteil von 1,4% an der Sojaerzeugung weltweit und 0,4% der EU-27-Produktion gleichkommt. Für die Nahrungsmittelindustrie stammen 90% des Weizenverbrauches aus Importen. Japan verzeichnet Weizeneinfuhren von 5,2 Mio. t, das sind 0,8% der Weltproduktion und 21% der EU-weiten Weizenerzeugung. Der hohe Selbstversorgungsgrad bei Reis von 100% wird mit massiven Direktförderungen und einem sehr restriktiven Außenhandelsregime für Reisimporte unterstützt. Auch halbfertige und fertige Lebensmittel werden in großer Menge und 67% des benötigten Zuckers auf den Importmärkten besorgt. Japan, als der weltweit größte Importeur an Schweinefleisch und der zweitgrößte an Rindfleisch, führt jährlich 4,6 Mio. Rinder, 9,6 Mio. Schweine und 294 Mio. Geflügel ein. Zusätzlich werden Käse (190.000 t), Fisch und Fischprodukte in einem Ausmaß wie in keinem anderen Land importiert.

Die Auswirkungen der Katastrophe
Der Verlust wertvoller Produktionsflächen, durch Versalzung und radioaktive Kontamination des Bodens, wird direkt durch Importe ausgeglichen werden müssen, um die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Die insgesamt ausgefallenen Mengen sind aber, in Relation zu den auf den Weltmärkten gehandelten Mengen, nicht sehr groß. Zudem wird Japan aufgrund zerstörter Tierproduktionsstätten weniger Futtermittel einführen, weshalb die Auswirkungen des zusätzlichen Importbedarfes auf die Agrarmärkte minimal sein werden. Der Ausfall der sechs kontaminierten Präfekturen wird auf rund 8% des gesamten Verbrauches geschätzt.

Produkte mussten wegen hoher Strahlenwerte vernichtet werden oder sind aufgrund der Unterbrechung der Kühlkette durch den Stromausfall verdorben. Zusätzlich wurde die Infrastruktur für 380.000 t jährlicher Verarbeitungskapazität der Fischindustrie, die zweitgrößte in Japan, zerstört. Trotz der eingeschränkten Exportmöglichkeiten durch mangelnde Verfügbarkeit und Sperren von Importmärkten (Lebensmittel "Made in Japan" waren früher im Premium und Delikatessen-Segment angesiedelt) werden die strengen Lebensmittelkontrollen in Japan das Vertrauen der weltweiten Bevölkerung und Exportmärkte in die japanische Produktion nach dem Sinken der Risikowerte auf ein gesundheitsunschädliches Niveau wieder stärken. Es wird damit gerechnet, dass sich die japanische Wirtschaft bis zum 3. Quartal 2011 stabilisieren wird.

Japan hat niedrigste Selbstversorgungsquote aller Industrienationen
Der Selbstversorgungsgrad aus der eigenen Landwirtschaft und Fischerei betrug 1961 noch 78%. Im Jahr 2008 lag die Selbstversorgungsquote nur für Reis bei 100%. Auf Importe war Japan bei Weizen (14% Selbstversorgungsgrad), Bohnen (9%), Gemüse (82%), Obst (41%), Fleisch (56%) und bei Fisch und Meeresfrüchten (62%) angewiesen. Die konstant hohen Volumen der Nahrungs- und Genussmittelimporte Japans sind neben der extrem hohen Bevölkerungsdichte (337 Einwohnern pro km2) auf die komparativen Nachteile in der landwirtschaftlichen Produktion sowie die natürlich begrenzte Produktionskapazität zurückzuführen. Es mangelt in Japan an großen Anbauflächen, die potenziell für eine intensive agrarische Nutzung nutzbar wären und folglich international wettbewerbsfähig sein könnten.

Die im Laufe der Jahre entstandene enorme Verwundbarkeit des Landes im Bereich der Nahrungsmittel-Versorgungssicherheit hat bereits vor dem Desaster zu einem Umdenken in der japanischen Landwirtschaftspolitik geführt, weshalb ein Selbstversorgungsgrad von 50% bis 2020 von der Regierung angestrebt wird.

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