Bauernbund | 18.01.2011

„Wir können Innovationsführer werden“

Südtirol kann ein Vorzeigeland für innovative Lebensmittelprodukte werden. Darum setzt der Südtiroler Bauernbund im Jahr 2011 einen Schwerpunkt auf das neue Technologiezentrum, verrät Obmann Leo Tiefenthaler in diesem Interview.

Es gibt viel zu tun für den Südtiroler Bauernbund. Das zeigt sich, wenn Bauernbund-Obmann Leo Tiefenthaler auf die weiteren Ziele blickt, die sich der Verband für 2011 vorgenommen hat: Die Berggebiete in der EU-Agrarpolitik absichern, eine Trendumkehr bei der Kürzung der Landesgelder für die Landwirtschaft, die soziale Absicherung der Bauernfamilien und die Arbeitssicherheit und vieles mehr … Details im folgenden Interview.


Wenn sie auf 2011 voraus blicken: Welche Aufgabe fällt Ihnen da als erstes ein?
Mit Sicherheit die Verhandlungen zur neuen Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) in Brüssel: Immerhin geht es da um die Regeln und Gelderverteilung für einen Zeitraum von sieben Jahren!
Wir haben bereits gute Weichen für die Sicherung der Landwirtschaft in den Berggebieten gestellt: Wir haben mit unseren Politikern einen engen Schulterschluss, und beide Seiten haben auf nationaler und internationaler Ebene mit wichtigen Partnern zusammengearbeitet:
Landesrat Hans Berger und EU-Parlamentarier Herbert Dorfmann auf politischer Ebene, wir mit den berufsständischen Kollegen. Das Ergebnis ist: EU-Kommissar Dacian Ciolos hat einige aus unserer Sicht interessante Ansätze vorgelegt. Aber wir müssen auf der Hut sein, denn die Felle sind noch nicht im Trockenen: Die Verhandlungen laufen noch lange Zeit, und meist liegt der Teufel im Detail.

Welche Maßnahmen sollte die GAP unbedingt enthalten?
Das derzeitige Fördersystem mit Ausgleichszulage und Umweltprämien funktioniert im Wesentlichen sehr gut: Unser Ziel ist, diese Förderungsmöglichkeiten in der neuen GAP fortzuschreiben und ihre Finanzierung zu sichern. Wenn das gelingt, haben wir viel für die Berggebiete erreicht.
Gleichzeitig müssen wir uns auf das Auslaufen des Milchquotensystems vorbereiten. Auch hier spielt Brüssel eine entscheidende Rolle: Die veraltete Milchmarktordnung ist zu überarbeiten. Wir möchten, dass darin das Genossenschaftswesen als eine bewährte Form der Vermarktung berücksichtigt wird. Bei der Obst- und Weinmarktordnung brauchen wir hingegen nur kleinere Anpassungen.

Apropos Gelder sichern: Im eigenen Land sinkt der Haushalt. Auch die Landwirtschaft wurde zur Kasse gebeten …
Ja, die verfügbaren Gelder für die Landwirtschaft haben seit 2003 inflationsbereinigt um 37,4 Prozent abgenommen, davon gehen rund 15 Prozent auf das Konto der Inflation, der Rest sind effektive Kürzungen. In diese Richtung kann es nun auf keinen Fall weitergehen. Wir brauchen für die Zukunft Perspektiven und eine Steigerung der Finanzmittel.
Es bringt auch nichts, die Landwirtschaft ständig gleich wie die anderen Wirtschaftssektoren zu behandeln, unsere Probleme sind teilweise anders gelagert. Wenn wir die Pflege der Landschaft nicht mehr garantieren, leidet der Tourismus und damit die gesamte Wirtschaft.

Welche anderen Wünsche haben Sie an den Gesetzgeber?
Wieder einmal wird die Landesraumordnung überarbeitet. Dazu haben wir sehr konkrete Vorschläge unterbreitet. Und wir beharren darauf, dass beim Bürokratieabbau etwas weiter geht: Die Landesregierung hat uns aufgefordert, unsere Ideen dazu zu präsentieren. Wir haben das getan. Wir werden hier weiter am Ball bleiben und die Umsetzung einfordern.

Die vergangenen zwei Jahre standen im Zeichen der Zusammenarbeit. Was folgt 2011?
Diese Zusammenarbeit mit den befreundeten Wirtschaftssektoren – Gastronomie, Handel und Handwerk – werden wir weiterführen und ausbauen. Mit dem Hotelier- und Gastwirteverband (HGV) wollen wir nach dem Wettbewerb „Tourismus trifft Landwirtschaft“ aus dem letzten Jahr ein, zwei neue Aktionen setzten. Und wir wollen die Zusammenarbeit stärker auf die Bezirks- und Ortsebene bringen, dort wo die tägliche Partnerschaft die wirklichen Vorteile für die Beteiligten beider Wirtschaftszweige bringt.
Auch mit dem Unternehmerverband ergeben sich interessante Synergieren: Gemeinsam entwickeln wir derzeit Ideen für das neue Südtiroler Technologiezentrum. Hier wollen wir von Anfang an den Fuß drin haben und mitmischen.

Warum ist das so wichtig?
Hier eröffnen sich viele neue Möglichkeiten für die Landwirtschaft. Aus diesem Technologiezentrum können viele neue Ideen kommen: für neue Produkte, für das Design der Verpackung, für die Be- und Verarbeitung, aber auch für neue Maschinen und Geräte.
Potenzial sehe ich zum Beispiel bei der Entwicklung neuer Lebensmittelprodukte im Milch- und Obstsektor. So könnten neue Ideen für die Obstverwertung bei VOG-Products entstehen.
Die Landwirtschaft war immer offen für Innovation. Hier bietet sich eine neue Chance: Jedes neue erfolgreiche Produkt bedeutet ein neues Standbein, mit dem sich die Landwirtschaft breiter aufstellt. Und wer weiß: Vielleicht erweisen sich Abfallprodukte aus der Landwirtschaft als Rohstoffe für andere Wirtschaftsbereiche und erfahren so eine Aufwertung, die wiederum die Wertschöpfung für unsere Bauernfamilien steigert.
Schließlich schaffen wir mit dem Technologiezentrum und mit jedem neuen Produkt, das dort entwickelt wird, auch noch neue Arbeitsplätze.

Das Technologiezentrum wird es aber nicht zum Nulltarif geben …
Sicher nicht. Aber das ist eine gute Investition in die Zukunft. „Jetzt pflanzen, später ernten“, ist hier die Devise. Südtirol ist bereits ein Land der Vorzeigebauern im Obst-, Wein- und Milchsektor und hat hervorragende Produktions- und Erntetechnik hervorgebracht. Wieso soll es nicht auch ein Vorzeigestandort für innovative Produktentwicklung werden können? Wir haben mit unseren Produkten die beste Voraussetzung dafür.

Fortschritt verlangen Sie auch bei der Ausbringungstechnik für Pflanzenschutzmittel?
Die neuen EU-Regeln in diesem Bereich stellen eine große Herausforderung für uns dar. Wir sind uns absolut bewusst, dass der Konsument ein Recht auf sichere Lebensmittel hat. Wir wissen aber auch, dass überzogene Vorschriften den Produzenten unnötig unter Druck setzen. Hier gilt es einen gesunden Mittelweg zu finden, mit dem beide Seiten leben können. Wir suchen mit der Landesverwaltung nach annehmbaren Regelungen und mit der Beratung und Entwicklung nach neuen Lösungen, z.B. was die Spritzmittelausbringung mit Sprühgeräten betrifft.

Welche Schwerpunkte setzt der Bauernbund heuer sonst noch?
Zwei ganz wichtige Schwerpunkt sind die soziale Absicherung und die Arbeitssicherheit. Die Erhöhung der Mindestrenten, die Familienförderung, neue Einkommensmöglichkeiten am Hof sind heir nur einige Punkte.
Und dass die Arbeitssicherheit ein Dauerbrenner ist – das haben uns die vielen Arbeitsunfälle im Jahr 2010 auf traurige Weise vor Augen geführt. Wir haben da ja schon vor einiger Zeit mehrere große Aktionen geplant. Leider können wir hier fast nur auf die Eigenverantwortung und somit auf die Bewusstseinsbildung setzen: Aufklären, aufklären, aufklären! Wir werden dies mit Kursen im Fahrsicherheitszentrum in Pfatten und mit Artikeln im „Südtiroler Landwirt“ tun. Und die Südtiroler Bauernjugend stellt derzeit acht Kurzfilme fertig, von denen jeder über die Sicherheit in einem anderen land- und forstwirtschaftlichen Arbeitsbereich informiert. Außerdem gehen die Testläufe mit dem Kipp-Frühwarnsystem „Sentinel“ auf Traktoren weiter.
Aufklären wollen wir die Bauern, Fernheizwerkbetreiber, vor allem aber die Endverbraucher auch über die Vorteile von Biomasse aus heimischen Wäldern. Diese Energie schont die Umwelt, macht unsere Energieversorgung unabhängiger von fossilen Rohstoffen und sichert mehr Wertschöpfung sowie Arbeitsplätze im eigenen Land. Dazu arbeiten wir mit dem Biomasseverband, den Landesabteilungen für Energie und Landwirtschaft, der Handelskammer und der Forstbehörde zusammen.

Und bauernbund-intern? Was tut sich da?
Wie immer wollen wir unsere Dienstleistungen verbessern: Wir wollen das anbieten, was unsere Mitglieder wirklich brauchen – zielgerichtet, effizient und möglichst unbürokratisch.
Dazu prüfen wir unter anderem, welche weiteren Dienste wir über Internet anbieten können. Auch so können wir zumindest den Bauernfamilien mit Internet-Zugang einige Ämtergänge ersparen.
Und schließlich findet Anfang November wieder die Alpenländische Landwirtschaftsschau – Agrialp statt. Da wollen wir den Südtiroler Bauernbund und die gesamte heimische Landwirtschaft natürlich wieder optimal präsentieren!


Interview: Guido Steinegger