Bauernbund | 29.06.2010

Stellungnahme des Südtiroler Bauernbundes

zum Artikel in der „Neuen Südtiroler Tageszeitung“ „Hofbesitzer mit Arbeitslosenunterstützung“ vom 30.06.2010

„Dem Südtiroler Bauernbund sind keine Fälle von Hofbesitzern bekannt, die eine landwirtschaftliche Arbeitslosenunterstützung beziehen. Das Patronat ENAPA des SBB hat im letzten Jahr 404 Anträge um Arbeitslosenunterstützung bearbeitet. Dabei handelt es sich entweder um Saisonarbeitskräfte in den landwirtschaftlichen Genossenschaften, oder um landwirtschaftliche Tagelöhner, die saisonal angestellt sind.
Auch einige Bauern gehen saisonal einer Arbeit nach, um das Einkommen am Hof aufzubessern. Bestes Beispiel dafür sind Bergbauern, die einen kleinen Hof besitzen, das Einkommen am Hof leider nicht zum Leben reicht und sie deshalb z. B. im Winter beim Skilift arbeiten oder Forstarbeiten in einem saisonalen, abhängigen Arbeitsverhältnis erledigen müssen. Eine Fixanstellung ist in vielen Fällen nicht möglich. Diese Bauern sind aber in der Landwirtschaft kranken- und rentenversichert und suchen deshalb auch nicht um Arbeitslosenunterstützung an.
Das heißt aber nicht, dass es unter den insgesamt über 21.000 bäuerlichen Hofeigentümern nicht auch einige wenige gibt, die in einem abhängigen Arbeitsverhältnis stehen, nicht landwirtschaftlich versichert sind (das ist Voraussetzung, um Arbeitslosengeld zu erhalten!) und um eine Arbeitslosenunterstützung ansuchen. Das ist legal und verstößt nicht gegen die staatlichen Bestimmungen, die übrigens für das gesamte Staatsgebiet gelten. Es wäre aber falsch, wegen einigen wenigen Personen, die die gesetzlichen Möglichkeiten nutzen, eine ganze Berufsgruppe an den Pranger zu stellen und sie als Missbraucher sozialer Leistungen zu brandmarken.

Zudem sollte endlich mit dem Klischee des reichen, in Luxusvillen wohnenden und Luxusauto fahrenden Obstbauern, aufgeräumt werden. Erstens ist die Situation in der Obstwirtschaft alles andere als rosig, weil die Kosten jährlich steigen und die Erlöse in den letzten Jahren deutlich gesunken sind. Und zweitens frage ich mich, wieso ein Bauer zu einem anderen Bauern für ein paar Euro arbeiten gehen soll, wenn er doch so wohlhabend ist. Dann hätte er einen Nebenerwerb doch wohl kaum nötig, oder? Kein Unternehmer würde zu einem anderen Unternehmer arbeiten gehen, wenn er das Einkommen nicht auch dringend brauchen würde. Viele landwirtschaftliche Betriebe haben fremdfinanzierte Investitionen getätigt, um ihre Höfe konkurrenzfähig zu halten und müssen nun die Schulden zurückzahlen.
Es gibt in der Südtiroler Landwirtschaft, und auch im Obstbau, leider viele kleine Höfe, die kein Einkommen abwerfen, von dem die Familie leben kann und deshalb auf einen Nebenerwerb am Hof oder außerhalb – und dann meist in Vollzeit - angewiesen sind. Und diesen ganz legal ausüben. Das ist die Realität.
Zudem wird den Bauern oft angekreidet, dass sie das Privileg haben, im Grünen zu wohnen. Dabei wird vergessen, dass der Grund den Bauern gehört und gleichzeitig eine landwirtschaftliche Tätigkeit nun mal nicht oder nur eingeschränkt in den Dorfzentren und Innenstädten möglich ist. Daher ist die Tätigkeit im landwirtschaftlichen Grün eine Notwendigkeit für die Bauern, genauso wie die Handwerkerzonen für den Handwerker und die Innenstädte und Dorfkerne für den Händler notwendig sind.“


Leo Tiefenthaler
Bauernbund-Landesobmann