Bauernbund | 17.05.2010

„Die stille Not ist die schlimmste ...“

Es ist eine Erfolgsgeschichte von Menschen, die sich zum Ziel gesetzt haben, anderen zu helfen: Am vergangenen Samstag hat der Bäuerliche Notstandsfond in Kloster Neustift sein 20-jähriges Bestehen gefeiert.

Der Wind hat Kloster Neustift fest im Griff. „Die Eisige Sofie sitzt uns heute im Nacken“, scherzt ein hagerer Mann, als er das Kloster betritt.
Trotz der Kälte und grollenden Wolken am Horizont sind Leute aus dem ganzen Land zur Jubiläumsfeier des Bäuerlichen Notstandsfonds gekommen. Es herrscht eine angenehme, fast familiäre Stimmung.
Altabt Chrisostomos Giner sagt in seiner Predigt: „Wenn wir uns bewusst werden, dass an einem Brot alle teilhaben sollen, verstehen wir, was Eucharistie bedeutet. Und Eucharistie und Gemeinschaft sind untrennbar miteinander verbunden.“ Als die Messbesucher die Kirche verlassen und man sich gegenseitig die Hände schüttelt, rauben die kurzen Sturmböen, die durch die Klostergemäuer pfeifen, dem einen oder anderen Besucher den Hut.

Helfen heißt zuhören können
Notstandsfonds-Obmann Sepp Dariz sagt: „Menschen, die in Not geraten sind, sind oft in ihrer Würde verletzt. Es war seit jeher unsere Aufgabe, diese Menschen in ihrer Würde zu respektieren.“ Es sei oft wichtiger, den Leuten ein vertraulicher Ansprechpartner zu sein, als auf finanziellem Wege zu helfen.
Auch Leo Tiefenthaler, Obmann des Südtiroler Bauernbundes, weiß aus Erfahrung, dass vor allem die seelische Not die Menschen belaste: „Ich muss dem Menschen zuhören können, um seine Probleme zu verstehen.“ Es sei wichtig, Notsituationen rechtzeitig zu erkennen, sagt Landesrat Richard Theiner: „Wir brauchen Menschen, die bereit sind, hinzuschauen.“ Und sein Kollege Hans Berger ergänzt: „Die stille Not ist die schlimmste. Viele Leute ertrinken lieber, als sich helfen zu lassen.“

Nägel mit Köpfen gemacht
Sepp Dariz, der seit zwanzig Jahren die Geschicke des Bäuerlichen Notstandsfonds leitet, ist ein stämmiger Mann. Wenn er aber von freiwilligen Arbeitseinsätzen in Notsituationen spricht oder sich auf den Wiederaufbau von abgebrannten Stadeln und Wohngebäuden zurückbesinnt, strahlt er wie ein kleines Kind.
Er kann sich noch gut erinnern, erzählt er den Zuhörern, wie er gemeinsam mit Berthold Pohl bei einem Notar einige Unterschriften setzen sollte: „Plötzlich war ich Obmann, denn der Pohl hat immer schon Nägel mit Köpfen gemacht.“

Hilfsbereitschaft, die abfärbt
In den Anfangsjahren ist es nicht immer leicht gewesen zu helfen, meint Sepp Dariz: „Man musste Erfahrungen sammeln und an einer transparenten und glaubwürdigen Struktur arbeiten.“
Dies ist ohne Weiteres gelungen, betrachtet man die jährlich steigenden Spendengelder. Auch der Betrugsskandal bei der Stillen Hilfe – Mitte der Neunzigerjahre – konnte dem Notstandsfond keinen Schaden zuführen. Die Spendengelder stiegen auch in diesen Jahren weiter. Man hatte den Menschen im Land bewiesen, dass der Notstandsfond gute Arbeit leistet. Der Grundsatz, dass sämtliche Spendengelder den Bedürftigen zukommen und nicht von einem großen Verwaltungsapparat geschluckt werden, hat immer wieder zahlreiche Spender überzeugt.
Wenn Sepp Dariz zurückdenkt, wie der mittlerweile verstorbene Paul Springer selbst mit angepackt hat, wird klar, mit welcher Freude alle bei der Sache waren. Der große Einsatz, mit dem die Projekte angegangen wurden, färbte auf viele bäuerliche Organisationen ab. Sowohl die Bäuerinnen als auch die Bauernjugend leisten schon jahrelang wichtige Unterstützungsarbeit.

Im ganzen Land unterwegs
Namentlich für ihre Verdienste geehrt wurden die langjährigen Mitarbeiter sowie die Gründungsmitglieder Rupert Mayr, Leopold Kager, Rosi Gamper, Rosa Debiasi, Sepp Dariz und Franz Hochrainer. Als letzterer die Bühne betritt, hat er Tränen der Rührung in den Augen. Er war in allen Bezirken unterwegs. Heute könnte er mit Zug und Bus mit der Seniorenkarte kostenlos durch das Land fahren. „Ober sell hilft mor nicht, weil mor mitn Notstondsfond schun ibroll gwesn sein“, sagt Hochrainer und schmunzelt.
Zu den Klängen der Böhmischen von Vahrn wird zum Abschluss ein schlichtes Mittagessen gereicht, die Menschen unterhalten sich. Kein pompöses Fest, sondern eine Feier, bei der die Hilfe am Nächsten im Mittelpunkt steht.


Bilder:
- Zuerst der Dank dem Herrn: Die Feier begann in der Stiftsbasilika des Klosters Neustift.
- Anerkennung von Politik und Bauernschaft: (v.l.) Sepp Dariz mit Bauernbund-Obmann Leo Tiefenthaler sowie den Landesräten Hans Berger und Richard Theiner (Foto: Andreas Gschleier) 
- Die geehrten Gründungsmitglieder: Rupert Mayr, Leopold Kager, Franz Hochrainer, Rosi Gamper, Rosa Debiasi, Sepp Dariz (Foto: Andreas Gschleier)


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