Marketing | 09.03.2010

Langes Warten auf kurze Wege

Seit April 2009 gelten bei der für die Lieferung von Lebensmitteln an öffentliche Einrichtungen kurze Transportwege und geringere CO2-Emissionen als Qualitätskriterien. Warum sich bislang trotzdem wenig getan hat und wieso Südtirol alles andere als ein Vorreiter ist.

Das Landesfinanzgesetz vom April 2009 spricht eine deutliche Sprache. „Qualitätskriterien, die bei der Vergabe von Aufträgen für die Lieferung von Lebensmitteln zu berücksichtigen sind, sind kurze Transportwege und/oder geringere CO2-Emissionen beim Transport“ heißt es dort in einer Ergänzung zum Landesgesetz für die Regelung des Verwaltungsverfahrens und des Rechts auf Zugang zu Verwaltungsunterlagen. Ein Passus, der einen klaren Vorteil der heimischen Produkte bei öffentlichen Ausschreibungen bedeuten würde.
Der bäuerliche Landtagsabgeordnete Seppl Lamprecht hat sich im Jänner dieses Jahres in einer Landtagsanfrage nach dem Stand der Umsetzung dieser Richtlinien erkundigt. Der zuständige Landesrat Richard Theiner weist in seiner Antwort auf die Richtlinien für den Ankauf von Lebensmitteln im Südtiroler Sanitätsbetrieb hin, die im Oktober 2009 erlassen wurden.

Konkretere Richtlinien nötig
„Dass es solche Richtlinien gibt, ist sehr lobenswert. Das Problem ist nur, dass von kurzen Transportwegen und geringen Emissionen in diesen Richtlinien kein Wort steht“, sagt Seppl Lamprecht. Tatsächlich ist in den Richtlinien von einem Vorrang für den qualitativen Aspekt und für gentechnikfreie Produkte die Rede. Auch seien die Ausschreibungen für die Lieferung von Lebensmitteln als „Verfahren von Bezirksinteresse“ zu betrachten – was im Klartext heißt, dass die Ausschreibungen auf Bezirksebene erfolgen können. Damit soll auch kleinen Produzenten von biologischen, typischen und traditionellen Produkten die Teilnahme an den Ausschreibungen ermöglicht werden.
„Damit ist ein guter Anfang gemacht. Garantie, dass Produkte aus der unmittelbaren Nähe den Vorzug erhalten, ist das aber noch lange keine“, unterstreicht Lamprecht. In seiner Antwort betont Landesrat Theiner auch, dass seit April 2009 die Kriterien der kurzen Transportwege und geringen CO2-Emissionen in den Ausschreibungsunterlagen für Lebensmittel vorgesehen werden. In den wenigen Ausschreibungen für Lebensmittel, die seit April 2009 im Südtiroler Sanitätsbetrieb gemacht wurden, ist das meist auch der Fall. Die kurzen Wege und geringen Emissionen sind zumindest unter den Vorzugskriterien angeführt. „Allerdings sind diese Ausschreibungen wenig aussagekräftig, weil es um Produktgruppen geht, bei denen sich unsere heimischen Produzenten schwer tun“, erklärt Lamprecht. Das Bemühen von Landesrat Theiner sei sehr wohl zu erkennen und er schätze dies auch, allerdings gelte es jetzt, am Ball zu bleiben und an den Bestimmungen zu feilen.

Butter aus Padua
Nur wenige Ausschreibungen zu Lebensmitteln gab es im vergangenen Jahr im Südtiroler Sanitätsbetrieb. Die Eier für den Gesundheitsbezirk Brixen liefert eine Firma aus Kiens, das Fleisch für den Bezirk Meran kommt zum Teil von einem Meraner Metzgerbetrieb, zum Teil von einem Betrieb aus der Provinz Vicenza.
Die Aufträge laufen immer über mehrere Jahre. Wenn man die laufenden Aufräge betrachtet, findet man positive und negative Beispiele. So kann man anhand der Ausschreibungsunterlagen auf der Webseite des Gesundheitsbezirkes Bozen nachlesen, dass die Milch und der Joghurt von der Gastrofresh geliefert werden. Die Butter kommt aber von einer Firma aus der Provinz Padua, das Obst und Gemüse für alle vier Bezirke von einem Betrieb in der Provinz Vicenza. Eine Hoffnung besteht: Die beiden letztegenannten Aufträge laufen innerhalb eines Jahres aus – vielleicht kommen bei einer Neuausschreibung auch Südtiroler Betriebe zum Zug.

Gewichtung der Kriterien fehlt
Was in den Richtlinien zum Beispiel völlig fehle, sei die Gewichtung der Qualitätskriterien. „Die kurzen Transportwege müssen unbedingt das oberste Kriterium sein und bei der Beurteilung der Angebote am meisten Gewicht haben. Qualitativ hochwertige und gentechnikfreie Produkte sind gut und recht, aber die gibt es auch anderswo“, betont Lamprecht.
Vor allem gehe es bei der Definition der kurzen Transportwege darum, dass darunter nicht der Weg von einem Großhändler zum Krankenhaus, sondern der Weg vom ursprünglichen Produzenten zur jeweiligen Einrichtung angesehen wird.

Konsumenten als Vorbild nehmen
Es gibt also noch einiges zu klären und genauer zu definieren, bevor auch sichergestellt wird, dass in öffentlichen Einrichtungen in Südtirol bevorzugt heimische Produkte auf den Tisch kommen. „Auch wir bäuerlichen Abgeordneten im Landtag versuchen über mehrere Wege, dieses Ziel durchzusetzen“, betont Lamprecht. So liegt der Gesetzentwurf für die Förderung landwirtschaftlicher Produkte und Lebensmittel aus dem Umfeld, den Rosa Thaler Zelger im Herbst eingebracht hat, derzeit in der zuständigen Gesetzgebungskommission, Maria Hochgruber Kuenzer hat – ebenfalls im Herbst – im Dreierlandtag einen entsprechenden Antrag eingebracht.
Letztlich geht es aber wohl auch hier darum, dass jene, die vor Ort für die Ausschreibungen verantwortlich sind, den poltitischen Willen auch umsetzen. „Unser Vorbild muss der Südtiroler Konsument sein, der den Wert heimischer Produkte längst erkannt hat“, betont Lamprecht. Von kurzen Transportwegen würden alle Seiten profitieren: der Bauer als Produzent, die heimischen Verarbeitungsbetriebe wie Metzgereien und Händler, der Konsument und nicht zuletzt auch die Umwelt.


Andere Regionen haben klare Regeln
Südtirol rühmt sich gern, ein Vorzeigemodell und Vorreiter für andere Länder und Regionen zu sein. Ein Blick in andere italienische Regionen zeigt, dass das bei der Verpflichtung zur Verwendung von heimischen Produkten in öffentlichen Einrichtungen bei weitem nicht gilt – zumindest was konkrete Vorgaben betrifft.

- Friaul-Julisch Venezien:  Ein Regionalgesetz vom Februar 2010 schreibt vor, dass die Verwendung von landwirtschaftlichen Produkten aus der Region den Vorzug haben kann.
- Kalabrien:  Mindestens die Hälfte der Produkte in öffentlichen Ausspeisungen muss aus der Region stammen. Das schreibt ein Regionalgesetz vom August 2008 vor.
- Marken:  Das selbe Prinzip wie in Kalabrien gilt auch in der Region Marken. Das entsprechende Gesetz wurde im Juli 2009 erlassen.
- Veneto:  Auch hier müssen 50 Prozent der Lebensmittel aus der Region stammen. Das Gesetz stammt vom Juli 2008.
- Latium:  In der Region Latium wurde der Mindestwert mit 30 Prozent festgelegt. Das Gesetz wurde im April 2009 genehmigt.
- Apulien:  Auch die Region Apulien begnügt sich mit 30 Prozent regionalen Produkten. Das Gesetz gilt seit Dezember 2008.