Bauernbund | 10.02.2010

Im Ländlichen Raum entscheidet sich die Lebensqualität

Aus Niederösterreich eine soziale Modellregion in Europa zu machen, ist das erklärte Ziel von Landeshauptmann Erwin Pröll. Wieso dazu wirtschaftliche Stärke nötig ist, warum Kooperationen existenziell sind und wieso ihn Wien oder Brüssel nie gereizt hat, erklärt Pröll im Interview.

Sehr geehrter Herr Landeshauptmann, „Zusammenarbeit im Ländlichen Raum heißt…“ nennt sich Ihr Vortrag auf der Landesversammlung des Südtiroler Bauernbundes. Wie wichtig ist die Zusammenarbeit im Ländlichen Raum. Wie wichtig ist sie speziell für die Landwirtschaft?

Landeshauptmann Erwin Pröll: Im Ländlichen Raum entscheidet sich zu einem guten Teil unsere gesamte Lebensqualität. Hier wird unser unmittelbares Lebensumfeld gestaltet – von der Landschaftspflege über die Lebensmittelproduktion bis hin zur Energiefrage und zum Klimaschutz. Alleine deshalb ist eine Zusammenarbeit im Ländlichen Raum von existenzieller Bedeutung. Was Niederösterreich betrifft, sind wir auf einem guten Weg. In den vergangenen Jahren ist es uns nämlich gelungen eine Umkehr einzuleiten: von der Landflucht zur Landzuflucht.

Das Land Niederösterreich ist bekannt für viele Beispiele guter Zusammenarbeit. Auf welche Kooperationen sind für Sie besonders stolz?
Am engsten verbunden bin ich mit der Dorferneuerungsbewegung, die ich vor 25 Jahren in Niederösterreich ins Leben gerufen habe und die seither weit über die Grenzen hinaus zu einer europäischen Bewegung geworden ist. Unser Ziel, neues Leben, nicht nur optisch, sondern auch geistig, gesellschaftlich und kulturell in die Dörfer zu bringen, bewegt heute Tausende Menschen. Eine weitere wichtige Kooperation sehe ich zwischen dem Ländlichen Raum und der Kultur – insbesondere der Volkskultur, durch die viel für Brauchtum, Heimatliebe sowie Traditionen, Werte und religiösen Bezug getan wird.

Ein ganz heißes Thema ist in Südtirol die Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Tourismus. Wie funktioniert die Zusammenarbeit in Niederösterreich?
Die Kooperation zwischen der Landwirtschaft und dem Tourismus in Niederösterreich geschieht engagiert und mit Begeisterung. Beide Seiten versuchen über gemeinsame Aktionen Win-Win¬-Situationen zu schaffen. Die Aktion „Urlaub am Bauernhof“ mit der Privatzimmervermietung ist mittlerweile eine bekannte Marke. Wir haben verschiedene Genussregionen etabliert. Wir setzen auf Themenstraßen, wie etwa regionale Weinstraßen oder die Moststraße. Und wir vermarkten etwa Vinotheken im Rahmen unserer Top-Ausflugsziele.

Die Landwirtschaft und der Ländliche Raum sind zentrale Punkte Ihres Wahlprogramms. Niederösterreich ist bekannt, ein sehr interessanter Wirtschaftsstandort zu sein und über gut ausgebaute Infrastrukturen zu verfügen. Was sind Ihre Ziele in den nächsten Jahren?
Einer unserer Schwerpunkte liegt im Bereich Forschung, Wissenschaft und Technologie, weil wir überzeugt sind, dass dort, wo geforscht wird, die größten Zukunftschancen sind. Chancen, die Arbeitsplätze schaffen, Chancen, die Betriebsansiedlungen fördern, Chancen, die unsere Wirtschaftskraft stärken. Denn nur wenn wir wirtschaftlich stark sind, können wir auch unser Ziel erreichen, eine soziale Modellregion in Europa zu werden.

Der Ländliche Raum wird oft mit Lebensqualität in Verbindung gebracht. Wann sind Ländliche Räume wirklich lebenswert?
Eine einfache Antwort oder Formel darauf gibt es nicht. Aber eine gute Grundlage für einen lebenswerten und zukunftsträchtigen Ländlichen Raum ist dann vorhanden, wenn sich Arbeitswelt und Lebensumfeld – von den Wohn- bis zu den Freizeitmöglichkeiten – in Harmonie vereinen.

Sie sind der dienstälteste Landeshauptmann in Österreich, gelten als überaus charismatischer „Landesvater“ und als sehr einflussreich in der Bundes-ÖVP. Wie schafft man es, so lange in der Politik zu bestehen?
Manchmal bin ich selbst verwundert darüber, dass ich schon so lange in der Politik Verantwortung trage. Auch hier gibt es kein Patentrezept oder Erfolgsgarantie. Woran ich mich aber immer orientiere, sind drei wesentliche Grundsätze. Zum einen der Grundsatz: „Sag, was du tust, und tu, was du sagst.“ Zum zweiten ist es wichtig, mit Freude bei der Arbeit zu sein, weil man nur so Begeisterung und Freude bei anderen vermitteln kann. Und zum dritten, ist es wichtig, mit den Menschen auf Du und Du zu sein.

Haben Sie Wien oder Brüssel nie gereizt?
Wer die Positionen und Funktionen in der Politik kennt, kann keine Fehlentscheidung treffen. Daher habe ich mich immer für Niederösterreich entschieden.

Sie haben im Österreichischen Bauernbund Ihre Karriere begonnen. Wie wichtig ist Ihnen Ihre bäuerliche Herkunft? Wie wichtig war sie für Ihre Karriere?
Die bäuerliche Herkunft und Bauernbund haben mir ein Netzwerk gegeben, das es mir ermöglicht hat, mich nach meinen Interessen und Talenten zu entwickeln. Hier habe ich jenes Rüstzeug und jene Ausbildung erhalten, auf die ich bis heute in meiner Arbeit setzen kann. Und die bäuerliche Herkunft ist jene fest verankerte Wurzel, die mich in meinem gesamten Werteempfinden geprägt hat.