Bauernbund | 30.06.2009

"Milchstandort Europa muss erhalten bleiben"

Österreichs Bauernbund-Präsident Fritz Grillitsch über die Krise am Milchmarkt und die Forderungen an die EU

Die europäische Milchwirtschaft steckt in der tiefen Krise. Durch den Rückgang der Nachfrage nach Milchprodukten sind die Preise letzthin deutlich gefallen. Bei einem Treffen mit dem Südtiroler Bauernbund in Wien hat der Präsident des Österreichischen Bauernbundes Fritz Grillitsch deshalb gerechte Preise für Lebensmittel und eine Unterstützung der Milchbauern durch die europäische Agrarpolitik gefordert.

Die Milchwirtschaft hat schon bessere Zeiten gesehen. Vergangene Woche haben Sie deshalb mit Tausenden Milchbauern vor dem Agrarministerrat in Luxemburg für faire Lebensmittelpreise demonstriert. Wie dramatisch ist die Lage auf dem europäischen Milchmarkt derzeit?
Grillitsch: Der Milchsektor ist in einer sehr dramatischen Situation. In Österreich sind die Preise deutlich unter 30 Eurocent je Liter Milch. Das sind ruinöse Preise für unsere Milchbauern.
Fakt ist, dass der Milchpreis von Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Und hier müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass derzeit die Nachfrage zu gering ist, um einen höheren Milchpreis zu erwirtschaften. Was wir tun müssen ist, bei unseren Konsumenten für unsere Produkte zu werben, damit sie verstärkt zu heimischen Lebensmitteln greifen. Gleichzeitig müssen wir unsere Exportmärkte stärken und ausbauen.

Die Europäische Union hat entschieden, die Milchquoten, die die Milchproduktion begrenzen, schrittweise anzuheben und 2015 auslaufen zu lassen. Welche Rolle spielt diese Entscheidung in der aktuellen Krise?
Ob Milchquote ja oder nein, ist derzeit nicht die Frage. Europaweit werden nur etwas mehr als 90 Prozent der Quoten ausgenutzt. Die Anhebung der Milchquote ist nicht das Problem. Das wahre Problem ist, dass die Nachfrage nicht gegeben ist.
Daher brauchen wir Marktmaßnahmen und politische Programme, damit wieder angemessene Preise ausbezahlt werden und die Milchbauern in der Milchproduktion bleiben können. Der Milchstandort Europa muss erhalten bleiben, genauso wie die Versorgungssicherheit.

Was muss die Europäische Union konkret tun, um den Milchbauern zu helfen? Braucht es ein Konjunkturpaket wie für andere Wirtschaftsbereiche auch?
Auf EU-Ebene könnten die Märkte durch Exporterstattungen und Marktinterventionen entlastet werden. Gleichzeitig muss die EU den Bauern Planungssicherheit geben. Gesellschaftspolitische Programme wie Grüner Pakt, Bergbauernförderung, Umweltprogramm und Investitionsförderung müssen auch nach 2013 dementsprechend finanziell ausgestattet werden.
Wir dürfen eines nicht vergessen: Die EU verlangt von den europäischen Milchbauern höchste Standards bei Tierschutz und -gesundheit, Umweltschutz und Lebensmittelsicherheit. Diese Standards kosten, die Mehrkosten dürfen nicht alleine auf den Schultern der Bauern lasten.

Am 10. Juli findet in Garmisch-Partenkirchen eine Tagung über die Berglandwirtschaft statt, an der auch die EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel teilnehmen wird. Dabei wird offiziell eine eigene Finanzierungsschiene für das Berggebiet gefordert. Wie realistisch ist das?
Österreich hat sehr viel für die Bergbauern- und Umweltprogramme getan. In Zeiten wie diesen wird es nicht leicht sein, neue Geldmittel zu bekommen. Hier erwarte ich mir keine großen Schritte der EU-Kommission. Wir müssen versuchen, das zu sichern, was wir jetzt haben. Eventuell könnten wir an Anpassungen denken.

Hohe Standards bei Tierschutz, Umweltschutz und Lebensmittelsicherheit, aber eine vergleichsweise „laxe“ Kennzeichnungspflicht von Lebensmitteln in Europa: Das wir am Beispiel des Analog-Käses, der als Käse verkauft wird, aber statt Milch Pflanzenfette enthält, deutlich. Ist Analog-Käse nicht eine Täuschung der Konsumenten?
Alle im österreichischen Parlament vertretenen Parteinen haben eine Antrag eingebracht, der die Bundesregierung auffordert, die Bezeichnung „Käse“ für diesen Kunstkäse zu verbieten. Als Käse darf nur bezeichnet werden, was wirklich aus Milch hergestellt wird. Diese Sicherheit und Gewissheit muss der Konsument haben, um zwischen „gekünstelten“ und natürlichen Lebensmittel auswählen zu können.

Schweden übernimmt im Juli die EU-Ratspräsidentschaft und hat im Vorfeld angekündigt, die Agrarausgaben kürzen zu wollen. Was erwartet die europäischen Bauern?
Das ist linkes Getöse. Seit Jahren höre ich, dass die Bauern zuviel Geld bekommen. Wenn man das Agrarbudget der EU mit den Agrarbudgets der Mitgliedsstaaten zusammenzählt, machen die Agrarausgaben nur etwas mehr als ein Prozent aus. Wer da noch kürzen will, kann nicht gleichzeitig hohe Standards bei Tiergesundheit, Umweltschutz und Lebensmittelsicherheit verlangen. Das ist dann nicht machbar. In dieser Frage sind die Konsumenten auf der Seite der Bauern.

Südtirols Landwirtschaft ist kleinstrukturiert, basiert auf die drei Säulen Milch, Obst und Wein und baut auf einen starken Zu- und Nebenerwerb sowie einigen Nischenprodukten. Wie sehen Sie die Südtiroler Landwirtschaft aufgestellt?
Südtirols ist für uns in vielen Bereichen vorbildlich. Die kleinbäuerliche Struktur wird entsprechend gestärkt und das Verständnis von Politik und Gesellschaft ist groß. Mit Luis Durnwalder hat Südtirol einen Landshauptmann, der die Landwirtschaft kennt und schätzt. Die Südtirolerinnen und Südtiroler wissen, was die Bauern leisten und was sie wert sind. Und: Ich bewundere Südtirol wegen der wunderschönen Bauernhöfe und der einmaligen Kulturlandschaft.



Zur Person:
Fritz Grillitsch, Jahrgang 1959, ist seit Oktober 2001 Präsident des Österreichischen Bauernbundes. Seit Dezember 2002 ist Grillitsch, der einen Bauernhof bewirtschaftet, Abgeordneter zum Nationalrat und derzeit Vorsitzender des ÖVP-Agrarklubs.