Bauernbund | 11.02.2009

Wünsche mir weiter Geschlossenheit

Eine Ära geht zu Ende: Georg Mayr im Gespräch – Voller Einsatz auf allen Ebenen

Mit der morgigen Klausurtagung endet für Georg Mayr die dritte und letzte Amtsperiode als Landesobmann des Südtiroler Bauernbundes. Über 30 Jahre war Mayr auf Orts-, Bezirks- und Landesebene aktiv.
Im folgenden Gespräch lässt er die letzten drei Jahrzehnte Revue passieren und spricht über die Bedeutung der Berglandwirtschaft, seine Vision für die Landwirtschaft und seine ganz persönlichen Erfolge.

www.sbb.it: Ihr Mandat als Landesobmann war die drittlängste Amtszeit in der Geschichte des Südtiroler Bauernbundes. Zufrieden oder traurig, abtreten zu müssen?
Georg Mayr: Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich habe mit voller Begeisterung und vollem Einsatz die Interessen der Bäuerinnen und Bauern vertreten. Daher das weinende Auge. Das lachende Auge, weil ich überzeugt bin, dass der Bauernbund gut dasteht und wir viel erreicht haben. Zudem bin ich von der Mandatsbegrenzung überzeugt, die auch für die Politik wichtig wäre.

Sie sind seit 1976 im Orts- und Bezirksbauernrat Bozen, waren von 1988 bis 1993 Bezirksobmann-Stellvertreter und dann bis zur Wahl zum Landesobmann 1996 Bezirksobmann von Bozen. Wie stark hat sich die Landwirtschaft verändert?
Es hat in diesen Jahren eine große Umstrukturierung gegeben. Viele Beschäftigte sind aus der Landwirtschaft abgewandert. Heute bewirtschaftet fast ausschließlich die eigene Familie – meist Bauer und Bäuerin – den Hof. Früher gab es wesentlich mehr Beschäftigte am Hof. Die Zahl der Vollerwerbsbetriebe lag bei 60 Prozent, heute sind es noch 30 Prozent. Es gibt viel weniger Milchwirtschaftsbetriebe. Dafür sind der Obst- und Weinbau sowie der Anbau von Spezialkulturen immer weiter nach oben geklettert. Die Genossenschaftswesen sind wesentlich professioneller geworden. Viele haben fusioniert, um den Anforderungen gerecht zu werden. Dieser Trend setzt sich hoffentlich fort. In den siebziger und achtziger Jahren waren die Erschließung der Höfe – Hofzufahrten, Trinkwasserver- und Abwasserentsorgung sowie die Elektrifizierung – voll im Gang. Heute ist dieser Prozess abgeschlossen.

Eine Hauptaufgabe des Bauernbundes ist die politische Interessensvertretung. In Ihre Zeit fallen Themen auf vielen Ebenen: Von der EU bis in die Ortsgruppen … Was waren Ihre Steckenpferde?
Ein Erfolg war die zweifache Überarbeitung der Höfekartei. Heute wird die Steilheit viel stärker berücksichtigt. Auch die Bewertung der inneren und äußeren Verkehrslage ist vor einigen Jahren endlich berücksichtigt worden. Ich habe mich immer für den Schutz von bäuerlichem Grund stark gemacht. Gemeinsam haben wir einige Erfolge gefeiert, obwohl die Verhandlungen oft schwierig waren. Vor allem mit der öffentlichen Hand haben wir uns einige Gefechte geliefert. Teilweise waren die Verhandlungen mit privaten Verbänden wie den Skiliftbetreibern einfacher als jene mit dem Land. Die ganze Frage der Enteignungen muss überdacht werden. Ich hoffe, dass in den nächsten Jahren Enteignungen zur Ausnahme werden und stattdessen mit den Grundeigentümern frei ein fairer Preis ausverhandelt wird. Immerhin ist es gelungen, dass bei Gewerbegründen zumindest 25 Prozent frei verkauft werden können. Die Freizeitnutzung bäuerlicher Gründe muss noch besser geregelt werden – auch was die Entschädigung betrifft. Eine Baustelle bleibt die Raumordnung. Dank intensiver Verhandlungen konnten wir einige Bestimmungen zu unseren Gunsten abändern. Ziel war immer, der Spekulation einen Riegel vorzuschieben. Auch beim neuen Höfegesetz hat sich der Bauernbund aktiv eingebracht. Nicht zufrieden bin ich, dass in der Kommission für die Hofaussiedelung kein Vertreter der Höfekommission sitzt.

Der Zu- und Nebenerwerb hat einen wahren Boom erlebt. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Wir haben erkannt, dass der Zu- und Nebenerwerb für viele bäuerliche Familien immer wichtiger wird. Wollten immer, dass bäuerliche Familienmitglieder möglichst viel Einkommen am Hof und in der Landwirtschaft erwirtschaften. Daher haben wir den „Urlaub auf dem Bauernhof“, die Direktvermarktung und die Verabreichung von Speisen und Getränken am Hof massiv ausgebaut. Dabei war es uns ein Anliegen, die Bäuerinnen und Bauern zuerst fachlich auszubilden und sie dann bei der Ausübung der Tätigkeit zu unterstützen. Zudem haben wir mit dem „Roten Hahn“ eine Marke kreiert, die ein Erfolgsmodell wurde und um die uns heute viele beneiden.

Der Südtiroler Bauernbund ist Interessensvertreter und Dienstleister. Wie wichtig sind diese „Säulen“?
Beides ist extrem wichtig. Die Interessensvertretung hat die Aufgabe, Anliegen der bäuerlichen Bevölkerung auf die politische Ebene zu tragen und entsprechende Entscheide herbeizuführen. Hilfreich waren die vielen lokalen, nationalen und internationalen Kontakte, die ich in den letzten Jahren knüpfen konnte. Ich kann behaupten, dass wir bei den italienischen Bauernverbänden sehr gut angesehen sind. Viele möchten unser „Modell Bauernbund“ kopieren, was aber nicht gelingt, weil wir einen wesentlich besseren Organisationsgrad aufweisen. Zusammen mit der Confagricoltura in Rom konnten wir einige Anliegen regeln. Ein Anliegen war mir immer die Verbindung mit Brüssel. Vor allem mit Franz Fischler hatte ich ein sehr gutes Verhältnis, er hat die Forderungen des Landes mitgetragen. Wichtig waren die Treffen mit den Bauernverbänden von Tirol, Bayern und Graubünden. Gemeinsam haben wir Strategien für die Landwirtschaft im Alpenraum ausgearbeitet und in Brüssel vertreten. Es ging ja auch darum, die Reformen der EU für die Alpenregion verträglich zu gestalten und dann zu übernehmen. Ich denke, wir haben hier jeweils das Beste daraus gemacht. Seit einigen Jahren ist der Bauernbund auch Mitglied im Südtiroler Wirtschaftsring. Ständig ausgebaut haben wir den Dienstleistungsbereich, auch weil immer neue Aufgaben auf uns zugekommen sind. Beispiele sind die Förderungen oder die Maschinenringe. Ich bin überzeugt, dass diese Investitionen richtig waren. Für die Mitglieder ist es wichtig, einen starken und kompetenten Partner zu haben, der sie in vielen Fragen des täglichen Lebens unterstützt. Stolz bin ich auch, dass bis auf Neumarkt alle Bezirke über einen eigenen Sitz verfügen, der sich im Eigentum des Bauernbundes befindet.
Froh bin ich, dass es uns gelungen ist, den Verein Freiwillige Arbeitseinsätze und den Maschinenring Südtirol zu gründen.

Wie haben Sie die Entwicklung der Landwirtschaft und Genossenschaften in den letzten Jahrzehnten erlebt?
Der Obstbau hat sich gut entwickelt. Südtirol ist in vielen Bereichen angefangen vom Anbau, in der Lagertechnik usw. in Europa führend. Die Vermarktung funktioniert sehr gut, mit dem Vi.P-3-Konzept ging der Vinschgau sicherlich neue, revolutionäre Wege. Hoffentlich ziehen andere nach. Der Weinbau befindet sich ebenfalls in guter Verfassung. Kellereigenossenschaften und private Weinbetriebe arbeiten sehr erfolgreich und haben dem Südtiroler Wein ein neues Image verpasst. Längst überfällig war ein Zusammenschluss der Akteure. Sorgenkind ist derzeit die Berglandwirtschaft. Wo es möglich ist, sollte jeder nach Alternativen zur Milchwirtschaft Ausschau halten und neue kreative Ideen für ein zusätzliches Einkommen suchen. Solche Ideen könnten aus der Weiterbildung kommen. Trotzdem wird die Milchproduktion die wichtigste Einkommensquelle bleiben. Daher müssen die Betriebe gestärkt und die Produkterlöse gesteigert werden. Vielleicht könnte die Gentechnikfreiheit im Marketing noch stärker genutzt werden. Mit unserer „Bergbauernmilch“ könnten wir eine höhere Wertschöpfung erzielen. Wichtig ist, dass jedem Bauer seine Rolle als Unternehmer klar wird: In Zukunft muss bei Investitionen und Ausgaben stärker der Rotstift angesetzt werden. Hilfestellung kann der Maschinenring geben, der noch zu wenig genutzt wird. Aber auch die Genossenschaften sollten ihre Zusammenarbeit ausbauen.

Was werden Sie nach dem 13. Februar tun?
Mir wird sicherlich nicht langweilig. Ich habe einen Hof, der zu bearbeiten ist, einige weitere Funktionen und Hobbies. Wenn ich gebraucht werde, stehe ich auch in Zukunft gerne dem Bauernbund zur Verfügung – wenn gewünscht, auch in Brüssel, wo gute Kontakte sicherlich viel Wert sind. Das müssen aber andere entscheiden. Denn es ist sicherlich nicht so, dass ich unbedingt einen neuen Posten brauche.

Sie wünschen dem Südtiroler Bauernbund …
… auch in Zukunft Geschlossenheit und Zusammenhalt, die uns stark gemacht haben. Wichtig ist, eine gemeinsame Strategie zu entwickeln und an einem Strick zu ziehen. Wir brauchen die Rahmenbedingungen für eine flächendeckende Bewirtschaftung. Ich wünsche mir mehr Respekt vor der Arbeit der Bäuerinnen und Bauern und weniger Missgunst. Den Konsumenten muss deutlich gesagt werden, dass der Bauer vom Produkterlös lebt und durch den Kauf heimischer Produkte darüber hinaus der gesamte ländliche Raum erhalten bleibt. Wenn uns all das gelingt, dann mache ich mir um die Landwirtschaft keine Sorgen.

Interview: Michael Deltedesco