Bauernbund | 29.07.2008

"Jugend gibt Landwirtschaft positive Impulse"

Interview mit Landesrat Hans Berger: werden Mittelkürzungen nicht hinnehmen

Größtenteils zufrieden mit dem Geleisteten in den letzten fünf Jahren ist Landesrat Hans Berger, wie er im Interview mit dem www.sbb.it verrät. Trotzdem gibt es für ihn noch Verbesserungspotential – und neue Herausforderungen für die Landwirtschaft in den nächsten fünf Jahren.

Herr Landesrat, die aktuelle Legislaturperiode des Südtiroler Landtags geht im Herbst zu Ende. Welche Vorhaben konnten in den letzten fünf Jahren umgesetzt?
Landesrat Hans Berger: Alle aufzuzählen sprengt wohl den Rahmen, denn die letzten 5 Jahre waren von einer Vielzahl an Herausforderungen, die wir angenommen und weitgehend positiv gemeistert haben, gekennzeichnet. In den vergangenen Jahren haben sich die Rahmenbedingungen in der Landwirtschaft stark geändert. Immer stärker wird unsere Landwirtschaft durch die EU beeinflusst. Mein Ziel lag und liegt nach wie vor darin, in diesem wandelbaren Umfeld Werte und Gewissheiten zu schaffen, die unseren Bauern die langfristige Aufrechterhaltung der landwirtschaftlichen Tätigkeit ermöglichen. Die Grundlage wird dabei in der Ausbildung gelegt. Mit der Einführung des 4. Schuljahres und der Mehrberuflichkeit im Rahmen der landwirtschaftlichen Fachausbildung wurden in diesem Zusammenhang Meilensteine gesetzt. Damit wird klar auch auf die Jugend gesetzt, um neue, positive Impulse für die Landwirtschaft zu geben. Doch ganz egal wie gut die Ausbildung auch ist, es braucht auch angemessene Infrastrukturen, Betriebsgebäude und technische Ausstattung, um langfristig bestehen zu können. Um die dazu notwendigen Investitionen tätigen und auch weiterhin fördern zu können, mussten die Förderrichtlinien an die EU-Bestimmungen angepasst werden. Teilweise mussten und müssen unsere Fördermöglichkeiten in Brüssel vehement verteidigt werden.
Als große Leistung werte ich deshalb den Erfolg, als erste Region in Italien die Genehmigung des neuen Entwicklungsprogramms für den ländlichen Raum 2007-2013 erreicht und zudem drohende Kürzungen bei der Mittelzuteilung erfolgreich abgewehrt zu haben. Die Maßnahmen zur Unterstützung der Tiergesundheit und der Holznutzung, welche sich auf einem guten Weg zur Genehmigung befinden, sind aktuelle Beispiele dafür, dass auf europäischer Ebene jede Maßnahme hart erkämpft werden will.
Auch galt und gilt es bei Auftreten von verschiedenen außergewöhnlichen Situationen, ob bei Unwettern, Tierseuchen oder Pflanzenkrankheiten einen kühlen Kopf zu bewahren, um im Interesse der Bauern die richtigen Entscheidungen treffen zu können.
Persönlich liegt mir die Förderung der Zusammenarbeit. Sei es in der Landwirtschaft allgemein, dass nicht wieder alte Rivalitäten zwischen Berg und Tal aufleben, oder zwischen Landwirtschaft, Tourismus und Handel. Enge Zusammenarbeit ist angesichts bevorstehender Herausforderungen eine absolute Notwendigkeit, denn nur wenn wir an einem Strang ziehen, können wir etwas bewegen. Besonders das Südtiroler Qualitätszeichen wird in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen. Hier wurde etwas in Gang gesetzt, dessen Wert wir wohl erst in einigen Jahren oder gar Jahrzehnten wirklich abschätzen werden können.
Wie gesagt, es sprengt den Rahmen, alles aufzuzählen, doch wenn ich zurückblicke muss ich sagen, dass ich größtenteils zufrieden bin mit dem was geleistet wurde. Ich sehe aber auch noch viel Verbesserungspotential. 

www.sbb.it: Besondere Anstrengungen werden in den nächsten Jahren nötig sein, um die Berglandwirtschaft abzusichern. Was kann bzw. was muss die Politik tun, damit es auch in Zukunft eine Milchproduktion am Berg geben wird?
Hans Berger: Die Berglandwirtschaft steht ja schon lange auf tönernen Füßen, der aktuelle Ruf nach mehr Markt und weniger Intervention erhöht den Druck noch zusätzlich. Fakt ist, dass die Produktionsbedingungen am Berg um ein Vielfaches schwerer sind als andernorts. Nun soll der Außenschutz abgebaut und die Milchquoten, die bis jetzt zumindest etwas Sicherheit geboten haben, über Bord geworfen werden. Dies ist umso dramatischer, zumal es für Bergbauern vielerorts kaum Alternativen zur Milchwirtschaft gibt. Aufgrund der besonderen Qualität unserer Milch werden wir wahrscheinlich auch in Zukunft ein höheres Auszahlungsniveau als andernorts haben - doch was nützt dies, wenn man nicht kostendeckend produzieren kann.
Ich denke, wir können die Milchproduktion und damit die Landwirtschaft am Berg nur erhalten, wenn zusätzliche Ausgleichsmaßnahmen z.B. in Form einer tierhaltungsbezogenen Prämie für die Bewirtschaftung von Grünland geschaffen werden. Dies können wir wahrscheinlich nur gemeinsam mit anderen Berggebieten erreichen. Die ersten Allianzen sind bereits geschmiedet und ich bin zuversichtlich, dass in diesem Bereich noch einiges erreicht werden kann. Wir müssen noch in diesem Jahr unsere ganze Kraft und all unser Verhandlungsgeschick dafür einsetzen, dass das Berggebiet in den Brüsseler Verordnungen und Richtlinien einen eigenen Stellenwert einnimmt. 

www.sbb.it: Der Zu- und Nebenerwerb spielt in der Landwirtschaft eine immer größere Rolle. Im September soll das neue Urlaub auf dem Bauernhof-Gesetz verabschiedet werden. Welche Maßnahmen sind in den nächsten Jahren zugunsten des Zu- und Nebenerwerbs geplant?
Berger: Ich bin davon überzeugt, dass die Impulse für neue Nebenerwerbsmöglichkeiten vor allem von den Bäuerinnen und Bauern selbst ausgehen müssen, denn sie sind es ja auch, die dem Nebenerwerb nachgehen. Für Vorschläge und Ideen in diese Richtung habe ich auf jeden Fall immer ein offenes Ohr. In der Vielfalt liegt die Zukunft unserer Landwirtschaft.

www.sbb.it: Nicht nur in Bozen und Rom, sondern auch in Brüssel soll bei den Ausgaben der Sparstift angesetzt werden. Muss die Landwirtschaft in den nächsten Jahren mit Mittelkürzungen rechnen?
Berger: Spätestens mit 2013 wird dies wohl der Fall sein, doch wir werden mit allen Mitteln versuchen, dies zu verhindern. Wenn Mittel für die Landwirtschaft schon gekürzt werden, dann müssen zumindest die Berggebiete, wo wir in der Landwirtschaft ohnehin an der Grenze zur Aufgabe stehen, ausgenommen werden. 

www.sbb.it: Apropos Geld: Für viel Ärger hat die verspätete Auszahlung der Prämien gesorgt. Glauben Sie, dass sich durch eine eigene Zahlstelle in Bozen die Situation verbessert?
Berger: Wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass sich die Situation durch eine eigene Zahlstelle in Bozen verbessern lässt, dann wäre dieser Beschluss nicht gefasst worden. Tatsache ist, dass die Situation, so wie sie sich bis jetzt dargestellt hat, nicht tragbar ist. Weder für die Verwaltung noch für die Bauern, die ein Recht auf pünktliche Beitragszahlungen haben. Für 2008 fassen wir, um solche Verzögerungen zu vermeiden, die Möglichkeit einer 75%igen Vorschusszahlung der Prämien im Spätherbst ins Auge.

www.sbb.it: Im Zuge der Diskussion um Preissteigerungen bei Lebensmitteln ist die Gentechnik wieder stärker in den Mittelpunkt gerückt. Soll bzw. kann Südtirol gentechnikfrei bleiben?
Berger: Ja, ich bin überzeugt, dass Südtirol gentechnikfrei bleiben muss und kann. Grundsätzlich gibt es im Moment zwei Möglichkeiten: Den so genannten Koexistenzplan, der das Nebeneinander von gentechnisch verändertem, konventionellem und biologischem Anbau regelt, und die freiwilligen Vereinbarungen der Produzenten, wie sie z.B. im Rahmen des „Gentechnikfrei– Siegels“ getroffen wurden.
Ziel muss es sein, den Koexistenzplan auf Landesebene so rigoros und einschränkend wie möglich zu gestalten. Der eingeschlagene Weg, mit der Verbindung zwischen nachhaltiger Qualitätsproduktion durch bäuerliche Familienbetriebe in einer intakten Kulturlandschaft und die darauf abgestimmten Marketingstrategien, sind nach meiner persönlichen Überzeugung nicht vereinbar mit dem Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen. Südtirols Natur würde durch gentechnisch veränderte Pflanzen für immer geschädigt. Flora und Fauna würden aus ihrem Gleichgewicht gerissen. Die Ethik muss auch noch ihren Stellenwert haben und es darf nicht unbegrenzt in alle natürlichen Kreisläufe eingegriffen werden. Es darf nicht zum Fazit kommen „die Geister die du gerufen, wirst du nicht mehr los.“

www.sbb.it: Sie haben sich in der Vermarktung bäuerlicher Produkte immer für gemeinsame Aktionen und Zusammenschlüsse ausgesprochen. Mit dem Schutzkonsortium scheint nun die Weinwirtschaft den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Was erwarten sie sich hier?
Berger: Kooperation ist der logische Weg, wenn der Vermarktungserfolg nicht hinter der hervorragenden Qualität der Südtiroler Weine zurückbleiben soll. Ich denke es liegt auf der Hand, was ich mir erwarte. In gemeinsamer Anstrengung kann man erfahrungsgemäß mehr bewegen und dies erwarte ich mir nun auch von der Südtiroler Weinwirtschaft, insbesondere was die Vermarktung und die Kommunikation nach außen betrifft. Gratulation zu dem ersten Schritt der Südtiroler Weinwirtschaft in diese Richtung.

Interview: Michael Deltedesco