Bauernbund | 27.07.2008

"Berggebiete werden an Bedeutung gewinnen"

Rosa Zelger Thaler: Rolle der Bäuerin hat sich geändert – Für Chancen am Hof sorgen

Sie setzt sich unter anderem für die bäuerliche Familie, Tradition und Brauchtum, das Berggebiet und ganz allgemein für die Anliegen der Landwirtschaft ein. Rosa Zelger Thaler ist eine von fünf Landtagskandidatinnen, die vom Südtiroler Bauernbund unterstützt werden. Mit der Unterlandler Bäuerin und Mutter von fünf Töchtern hat der www.sbb.it über ihre Ziele in den nächsten fünf Jahren gesprochen.

www.sbb.it: Sie sind Vorsitzende der 2. Gesetzgebungskommission, die u. a. die Bereiche Land- und Forstwirtschaft, Raumordnung und öffentliche Gewässer sowie Energie regelt. Welche Verbesserungen konnten Sie für die Landwirtschaft erreichen?
Rosa Zelger Thaler: Aufgabe der Kommission ist es, Gesetzesentwürfe zu diskutieren, bevor sie zur Abstimmung in den Landtag weitergeleitet werden. Was die Landwirtschaft betrifft, so ist es uns etwa 2006 in der Kommission gelungen, ein Ausbringungsverbot von gentechnisch verändertem Saatgut durchzubringen. An diesem strengen Umgang mit gentechnikfreien Organismen muss auch künftig festgehalten werden, um Konsumenten heimische Produkte in bester Qualität anzubieten. Im heurigen Februar haben wir die Bestimmungen zum Urlaub auf dem Bauernhof neu geregelt, die darauf abzielen, den Verbleib der Landwirte im ländlichen Raum zu fördern und heimische Produkte und lokales Brauchtum aufzuwerten. Ein weiteres wichtiges Gesetz war das Landesraumordnungsgesetz. Neben einigen kritischen Passagen - etwa die Vertragsurbanistik - haben wir den sparsamen Umgang mit dem knappen Grund und zum Schutz der Kulturlandschaft Südtirols festgeschrieben.

www.sbb.it: Die gestiegenen Lebenshaltungskosten sind besonders für Familien problematisch. Die von der Landesregierung beschlossenen Maßnahmen gehen in die richtige Richtung. Wie können Familien noch stärker unterstützt werden?
Zelger Thaler: Mit dem 2005 verabschiedeten Familienpaket wurden spezielle Unterstützungsmaßnahmen für Familien vorgesehen (Familiengeld, Rentenbeiträge usw.). Wir müssen aber zur Kenntnis nehmen, dass sich viele Familien schwer tun, bis zum Monatsende über die Runden zu kommen. Besonders im Gesundheitswesen - vor allem bei den Zahnarztbesuchen - müssen Maßnahmen ergriffen werden, um Familien finanziell unter die Arme zu greifen. Nachbesserungen braucht es auch im Stipendiensystem, und zwar eine gerechtere finanzielle Unterstützung von Schülern und Studenten aus bäuerlichen Familien. Wir müssen alles dafür tun, dass Familie und Kinder nicht als Belastung, sondern wieder vermehrt als Chance und Bereicherung erkannt werden.

www.sbb.it: Die Lebenserwartung der Bevölkerung steigt und damit die Ausgaben im Alter. Die „Bauernrente“ reicht kaum aus, um ein würdiges Leben im Alter zu sichern. Welche Möglichkeiten hat hier die Politik, die Absicherung im Alter zu unterstützen?
Zelger Thaler: Die soziale Absicherung der Bäuerinnen und Bauern ist ein sehr wichtiges Thema und wahrscheinlich die größte Herausforderung der nächsten Jahre. Eine verbesserte Pflichtrentenversicherung und, in Ergänzung dazu, eine erschwingliche Zusatzrentenversicherung ist unbedingt anzustreben. Wir wissen alle, dass die Menschen heute immer älter werden. Es ist mir deshalb ein großes Anliegen, dass Bäuerinnen und Bauern, die ein Leben lang hart am Hof gearbeitet haben, im Alter ein würdiges Auskommen haben.

www.sbb.it: Inwiefern wird sich die Rolle der Bäuerin am Hof in Zukunft verändern?
Zelger Thaler: Wir Bäuerinnen haben in den letzten Jahren in eine neue Rolle der Mitarbeit am Hof und der Übernahme eigener Aufgaben gefunden. Das bedeutet nicht nur eine Aufbesserung des bäuerlichen Familieneinkommens, sondern vor allem auch persönliche Weiterbildung und Genugtuung. Das Bild der Landwirtschaft und der Bäuerinnen wird immer bunter und vielfältiger, allein wenn wir an die vielen jungen Frauen denken, die unterschiedliche Berufe erlernt haben und als „Quereinsteigerinnen“ in der Landwirtschaft tätig werden. Gerade deshalb müssen wir auch weiterhin für Chancen und Möglichkeit sorgen, um eine sinnvolle Erwerbskombination am Hof zu ermöglichen.

www.sbb.it: Die Milchwirtschaft ist im Berggebiet nach wie vor wichtigste Einkommensquelle. Welche alternativen Einkommensquellen sind für Berggebiete denkbar und wie können diese gefördert werden?
Zelger Thaler: Die Berglandwirtschaft wird auch weiterhin auf eine Einkommenskombination bestehend aus der Produktion hochwertiger Lebensmittel, Erlösen aus Zu- und Nebenerwerben und Ausgleichszahlungen - gerade im Hinblick auf die wegfallenden Milchquoten - angewiesen sein. Wenn wir jedoch bedenken, dass der Bedarf an hochwertigen Lebensmitteln vor allem im Osten Europas und der Pflanzenanbau für die Energiegewinnung steigen, dann führt das zu einer Verknappung und in der Folge zur Verteuerung von Nahrungsmitteln. Gerade deshalb werden Berggebiete für die Viehhaltung wieder an Bedeutung gewinnen. Es gilt, diese Chancen zu nutzen und unsere Qualitätsprodukte am Markt zu positionieren.

www.sbb.it: Ein zentrales Thema der letzten fünf Jahre war der Verkehr. Sie haben sich klar gegen den Ausbau des Flughafens Bozen und eine oberirdische Zulaufstrecke zum BBT ausgesprochen. Welche verkehrspolitischen Ziele verfolgen Sie in den nächsten Jahren?
Zelger Thaler: Mein Heimatbezirk, das Unterland, ist sehr stark vom Verkehr auf Staatsstraße, Autobahn, der Eisenbahn und dem Flugverkehr betroffen. Die Lärm- und Abgasbelastungen beeinträchtigen die Lebensbedingungen der Menschen deutlich. Es ist für mich deshalb selbstverständlich, mich dieser großen Sorge der Unterlandler anzunehmen. Gemeinsam ist es uns gelungen, Verbesserungen zu erreichen, wie etwa die Errichtung von Lärmschutzwänden, der unterirdische Bau der BBT-Zulaufstrecke und die Verhinderung des Ausbaus des Bozner Flughafens. Die Verkehrsproblematik wird mir auch in Zukunft ein Herzensanliegen sein, vor allem möchte ich darauf achten, dass der Bau der BBT-Zulaufstrecke für Bevölkerung und Umwelt so schonend wie möglich vonstatten geht. Im Hinblick auf den Personennahverkehr ist es gerade im Unterland notwendig, eine Alternative zum jetzigen Angebot zu finden.

www.sbb.it: Aktuelle Umfragen zeigen, dass den Südtirolern Brauchtum, Heimat, Identität und Tradition nach wie vor sehr am Herzen liegen...
Zelger Thaler: Als Bäuerin ist es mir ein Anliegen, durch gesellschaftliches Engagement und durch die Pflege von Brauchtum und Tradition, das Umfeld mit zu gestalten. Südtirol hat wunderbare Traditionen und religiöse Bräuche, die das Land und unsere christliche Lebensart geprägt haben und uns unverwechselbar machen. Gerade auf unseren Bauernhöfen wurden wertvolle Fertigkeiten und Wissen von Generation zu Generation weitergegeben. Unsere Aufgabe als Bäuerinnen und Bauern ist es, altes Wissen, Bräuche und Traditionen am Leben zu erhalten, zu pflegen und weiterzugeben.

Interview: Michael Deltedesco