Bauernbund | 15.07.2008

"Landwirtschaft schafft Lebensqualität und Arbeitsplätze"

Auf die heimische Landwirtschaft kommen in den nächsten Jahren grundlegende Veränderungen zu. Hauptverantwortlich dafür die die Europäische Union, die große Teile der Landwirtschaft reformiert bzw. reformieren möchte. Trotzdem sieht Landeshauptmann Luis Durnwalder großes Potential für die heimischen landwirtschaftlichen Betriebe – vor allem dank der hohen Produktqualität und dem Zu- und Nebenerwerb.

www.sbb.it: Herr Landeshauptmann, die Situation in der europäischen Landwirtschaft ist besser als noch vor einigen Jahren. Wie schätzen Sie die derzeitige Situation der Südtiroler Landwirtschaft ein und wie sehen Sie die weitere Entwicklung?
Luis Durnwalder: In Südtirol hat die Landwirtschaft derzeit, verglichen mit dem nationalen Durchschnitt, eine wesentlich größere Bedeutung. Laut einer kürzlich veröffentlichen Erhebung des ISTAT fallen 5 % der gesamten Wirtschaftsleistung Südtirols auf die Landwirtschaft. Die überdurchschnittlich große Bedeutung der Landwirtschaft in unserem Land beruht u. a. auch auf den Möglichkeiten eines Zu- und Nebenerwerbs wie etwa Urlaub auf dem Bauernhof oder eine saisonale Anstellung bei den Aufstiegsanlagen der heimischen Skigebiete. Diese im Vergleich zu anderen Regionen große Bedeutung der Landwirtschaft in Südtirol ist auch für die Zukunft maßgeblich, denn auf die Landwirtschaft kommen beachtliche Umwälzungen zu. Die Zeiten werden härter. Zurückzuführen ist dies in erster Linie auf die Reform der gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik, die zwar nicht so sehr auf den Obst- und Weinbau, aber auf das Grünland und somit auf die Berglandwirtschaft Auswirkungen hat. Und da bringt eine Bewirtschaftung der Flächen nicht nur den erwünschten Ertrag sondern zugleich auch Lebensqualität für Einheimische und Gäste, wodurch wertvolle Arbeitsplätze auch in anderen Sektoren gesichert werden können. Zudem werden aufgrund der steigenden Lebensmittelpreise und der steigenden Transportkosten Nahrungsmittel aus lokaler Erzeugung immer gefragter sein. Deshalb muss meiner Meinung nach verstärkt auf die Herstellung von Qualitätsprodukten gesetzt werden. Wir können nicht über die Menge und somit über den Preis konkurrieren. Da müssen wir durch Qualität überzeugen. 


Nahrungsmittel aus lokaler Erzeugung werden immer gefragter sein. Deshalb muss verstärkt auf die Herstellung von Qualitätsprodukten gesetzt werden. Wir können nicht über die Menge und somit über den Preis konkurrieren. Da müssen wir durch Qualität überzeugen.  
   

www.sbb.it: Sie haben kürzlich den Rat der Regionen in Brüssel von ihren Vorschlägen zur Aufwertung der Bergregionen überzeugen können. Welche Maßnahmen sind hier vorgesehen und was darf sich Südtirol davon erwarten?
Durnwalder: Ich habe kürzlich im Namen der Regionen Europas ein Maßnahmenpaket für eine europäische Bergzonenpolitik vorgelegt. Es geht um Maßnahmen, welche die Nutzung des großen Wirtschaftspotentials der Bergregionen unterstützen und gleichzeitig die Schwierigkeiten, denen die Berglandwirtschaft ausgesetzt ist, berücksichtigen. Konkret betrifft das die Wirtschafts- und Strukturförderung, die Beschäftigungspolitik, Naturschutz, Zivilschutz, Umwelt- und Energiepolitik sowie die Verkehrspolitik. Die Berggebiete sollen im europäischen Kontext aber nicht nur ihrer landwirtschaftlichen Schönheit willen Beachtung finden, sondern auch wegen ihrer wirtschaftlichen Ressourcen. Auf der vergangenen Plenarsitzung in Brüssel hat der Ausschuss der Regionen meinen Vorschlag einstimmig angenommen. Dieser wird nun der EU-Kommission unterbreitet. Ich bin deshalb zuversichtlich, dass damit die Rolle und Zukunft der Bergregionen gestärkt und gesichert werden kann.

www.sbb.it: Der Erhalt der Lebensqualität - Stichwort Infrastrukturen - und zusätzliche Einkommensmöglichkeiten (z. B. über den Maschinenring) im Ländlichen Raum tragen wesentlich zur Sicherung der Landwirtschaft bei. Was kann bzw. was muss die Politik hier tun?
Durnwalder: Die Landespolitik hat sich stets dafür eingesetzt, die Lebensqualität der Bevölkerung im Ländlichen Raum und insbesondere in den Berggebieten zu verbessern. Mit der Schaffung von Infrastrukturen und der Förderung von zusätzlichen Erwerbsmöglichkeiten unterstützt die Politik nicht nur die Entwicklung der Landwirtschaft, sondern sichert auch für die Zukunft ihren Stellenwert als wichtigen Zweig innerhalb des lokalen Wirtschaftsgefüges. Aufgabe der Politik muss es sein, nicht müde zu werden, für die Bauern nach bestmöglichen Lösungen zu suchen.Neben Initiativen auf EU-Ebene geht es vor allem darum, auch auf lokaler Ebene Akzente zu setzen, wie dies etwa durch den Maschinenring geschieht, einer Struktur deren Wichtigkeit von der Politik erkannt und unterstützt wird.  


Mit der Schaffung von Infrastrukturen und der Förderung von zusätzlichen Erwerbsmöglichkeiten unterstützt die Politik nicht nur die Entwicklung der Landwirtschaft, sondern sichert auch für die Zukunft ihren Stellenwert als wichtigen Zweig innerhalb des lokalen Wirtschaftsgefüges. Aufgabe der Politik muss es sein, nicht müde zu werden, für die Bauern nach bestmöglichen Lösungen zu suchen.  
   

www.sbb.it: Ein Anliegen des Südtiroler Bauernbundes ist seit jeher der Schutz bäuerlichen Eigentums. Viele Grundeigentümer kritisieren, dass das öffentliche Interesse in Südtirol allzu weit gefasst sei. Was muss getan werden, um Grund und Boden noch besser zu schützen, ohne aber eine gesunde Entwicklung zu verhindern?
Durnwalder: Trotz Streben nach Fortschritt und Entwicklung muss stets der Ausgleich der Interessen der einzelnen Grundeigentümer mit jenen der Allgemeinheit gesucht werden. Dieser Interessenskonflikt wurde in den Entscheidungen der Landesregierung – insbesondere bei Enteignungen im öffentlichen Interesse - so gut wie möglich berücksichtigt. Es gibt in Südtirol bereits eine sehr umfangreiche Gesetzgebung, die Grund und Boden in dieser Hinsicht schützt. In der Phase der Entscheidungsfindung möchten wir aber künftig gerade bei größeren Projekten vorausschauend über Sinn und Notwendigkeit dieser Vorhaben diskutieren.


In der Phase der Entscheidungsfindung möchten wir aber künftig gerade bei größeren Projekten vorausschauend über Sinn und Notwendigkeit dieser Vorhaben diskutieren.   
   

www.sbb.it: Nicht geklärt ist die Frage der Entschädigung bei der Nutzung von bäuerlichem Eigentum für die Freizeitgestaltung (z. B. Mountainbikewege). Wann ist hier mit einer Einigung zu rechnen?
Durnwalder: In einigen Bereichen ist die Nutzung von bäuerlichem Eigentum für die Freizeitgestaltung bereits geregelt. So sind für Skipisten oder Langlaufloipen wie auch für das öffentliche Radwegenetz Vereinbarungen mit den Grundeigentümern über eine entsprechende Entschädigung der Nutzung getroffen worden. Bei der Nutzung von Alm- und Forstwegen zu Mountainbikezwecken handelt es sich um eine Mehrbelastung einer bereits bestehenden Infrastruktur. Dabei steht außer Zweifel, dass für diese Wege eine Haftpflicht- und Rechtschutzversicherung abzuschließen ist, was von der Landesregierung auch schon veranlasst worden ist. Weiters laufen mit den Vertretern des Südtiroler Bauernbundes Gespräche, in welcher Form notwendige Instandhaltungsarbeiten für die Nutzung der Wege zur Freizeitgestaltung von der öffentlichen Hand getragen werden können.

www.sbb.it: Ein heiß diskutiertes Thema war im letzten Jahr die Landesraumordnung. Vor allem die Vertragsurbanistik stößt beim Südtiroler Bauernbund auf Kritik. Nicht ganz zu Unrecht befürchtet der SBB einen Missbrauch von Seiten einzelner Gemeinden. Ist diese Befürchtung gerechtfertigt und was geschieht, wenn Gemeinden wirklich die Vertragsurbanistik missbrauchen?
Durnwalder: Die neue Regelung im Gesetz gibt den Gemeinden die Möglichkeit, Raumordnungsverträge abzuschließen, um die Durchführung von öffentlichen Vorhaben zu erleichtern. Um die von der Gemeinde benötigten Leistungen des privaten Vertragspartners zu vergüten, kann etwa vereinbart werden, dass dieser 60 Prozent der Fläche für geförderten Wohnbau abtreten muss oder dass 60 Prozent der Wohnbaumasse konventioniert werden muss. Die Gemeinden müssen dabei immer im öffentlichen Interesse handeln. Wenn es die Wohnungssituation in der Gemeinde erlaubt, kann sie zum Beispiel vereinbaren, dass an Stelle von Flächen für den geförderten Wohnbau, eine andere Fläche für eine öffentliche Einrichtung bereitgestellt wird. Ich bin zuversichtlich, dass die Gemeinden im öffentlichen Interesse handeln, aber auch, dass sich die Grundeigentümer ihrer sozialen Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft bewusst sind. Jedenfalls müssen die Verträge immer zusammen mit den Planänderungen von der Landesregierung genehmigt werden.

www.sbb.it: Ein zweites wichtiges Thema für die Landwirtschaft ist der Gewässernutzungsplan. Der Südtiroler Bauernbund hat eine Reihe von Forderungen vorgelegt. Welche konnten im Planentwurf berücksichtigt werden?
Durnwalder: Der Wassernutzungsplan ist noch nicht endgültig verabschiedet, er wird demnächst der Wasserbehörde der Etsch vorgelegt sowie der strategischen Umweltprüfung unterzogen. Die vorgeschlagenen Kriterien sind also noch nicht definitiv. Fest steht, dass die Nutzung des Wassers in der Landwirtschaft nach der Trinkwasserversorgung gleich an zweiter Stelle vor allen anderen Nutzungen liegt. In Zeiten knapper werdender Ressourcen - dazu zählt das Wasser – kommen wir aber nicht umhin, Maßnahmen zur Wassereinsparung umzusetzen - wie zum Beispiel das Anlegen von Speichern.

www.sbb.it: Immer öfter klagen Grundbesitzer über Wildschäden. Besonders Schwarzwild macht den Bauern zunehmend zu schaffen. Was muss getan werden, um die Wildschäden einzudämmen?
Durnwalder: Mit dem Omnibusgesetz 2008 bzw. mit der Änderung des Landesjagdgesetzes wird für das Schwarzwild die Verpflichtung zur Abschussplanung gestrichen. Dadurch soll ein verstärktes Wildschweinaufkommen in unserem Lande verhindert werden, Sonderabschussermächtigungen können leichter ausgestellt werden. Die hauptberuflichen Jagdaufseher sowie die Verantwortlichen der Dienststellen für Jagdaufsicht wurden ermächtigt, jederzeit in ihrem Aufsichtsbereich vorkommendes Schwarzwild zu erlegen und dazu auch künstliche Lichtquellen zu verwenden. In den Revieren des Oberpustertales sind der Lebendfang von Schwarzwild sowie die nachfolgende Erlegung möglich. Zurzeit werden in den Revieren Sexten und Innichen die ersten Kastenfallen gebaut. Geplant ist auch ein Verbot der Kraftfuttervorlage bei Wildfütterungen. Kraftfutterstände wirken nämlich nach den bisherigen Erfahrungen im Pustertal als Anziehungspunkt für das Schwarzwild und in der westlichen Landeshälfte für den Bären. Aber es muss bei den Jägern auch Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit geleistet werden. Wildschweine dürfen in unserer intensiv genutzten Kulturlandschaft keinesfalls als eine „willkommene“ Bereicherung der frei lebenden Fauna und als zusätzliche Jagdmöglichkeit gewertet werden, sondern müssen als eine Gefährdung unseres sozialen Reviersystems erkannt werden.

www.sbb.it: Einen Boom erleben derzeit Fernheizwerke und private Hackschnitzelanlagen. Leider kommt immer noch der Großteil des Brennholzes aus dem Ausland. Gibt es Möglichkeiten, die Nutzung heimischen Holzes besonders zu fördern?
Durnwalder: Zurzeit werden in Südtirol etwa 750.000 bis 800.000 Schüttraummeter Holz in den rund 55 Fernheizwerken verheizt. Gute 25 Prozent davon kommen aus Südtirols Wäldern, wobei der Anteil am heimischen Holz von Heizwerk zu Heizwerk recht verschieden ist. Sarntal, Ulten und einige andere Werke nehmen fast 100 Prozent des Holzes von den einheimischen Bauern, andere Werke hingegen greifen nahezu überhaupt nicht auf heimisches Holz zurück. Das hängt von der Größe des Werkes, seinen Mitgliedern, aber auch von den Bauern selbst ab, die sich mehr oder weniger gut organisieren. Mehr Holz kann nur dann geliefert werden, wenn sich beide Parteien langfristig als Partner sehen und auch längerfristige Verträge abschließen - mit einem fairen Preis auf der einen Seite und Liefergarantien und einer besseren Organisation auf der anderen Seite. Die größeren Werke brauchen weniger Ansprechpartner, sie können nicht mit jedem Bauern einzeln verhandeln. Diese Verträge sollten an einen Preisindex verschiedener Energien gekoppelt sein, sodass der Bauer auch von der Steigerung des Energiepreises mitprofitieren soll. Immerhin könnte aus Südtirols Wäldern mehr als das Doppelte angeliefert werden.

Das Interview hat Michael Deltedesco geführt.