Südtiroler Landwirt, Marketing, Bauernbund | 03.03.2016

„Mehr Mut zur Vielfalt“

Für Lebensmittel-Trendforscherin Hanni Rützler hat die Direktvermarktung in Südtirol großes Potential. Erfolgreich werden besonders jene Direktvermarkter sein, die auf neue Produkte setzen. Wichtig dabei: Sie müssen die Eigenheit einer Region wiederspiegeln.

Hanni Rützler, Hauptreferentin der 1. Fachtagung für Direktvermarkter in der Messe Bozen

Hanni Rützler, Hauptreferentin der 1. Fachtagung für Direktvermarkter in der Messe Bozen

Südtiroler Landwirt: Frau Rützler, die Regionalität ist derzeit der Megatrend schlechthin. Wieso ist Regionalität so wichtig geworden?
Hanni Rützler: Wir stellen in den letzten Jahrzehnten – auch durch die Globalisierung – eine enorme Entfremdung von den Lebensmitteln fest. Viele Konsumenten wissen nicht mehr, wann welches Produkt Saison hat, wo Lebensmittel produziert werden, wie sie produziert werden usw. Seit einigen Jahren wird Regionalität stärker gefördert, auch vom Handel. So gut wie jede Handelskette hat heute eine eigene regionale Marke. Allerdings ist die alleinige Herkunft aus der Region zu wenig. Es geht darum, die Geschichte der Produkte zu erzählen und die Eigenheiten einer Region zu unterstreichen, um einen Mehrwert zu erzielen. Gerade das Geschichtenerzählen ist nicht immer so einfach. Der eine oder andere Direktvermarkter muss vielleicht noch lernen, über sein eigenes Produkt zu reden.

Welches Potential hat die Direktvermarktung vor dem Hintergrund der großen Bedeutung der regionalen Herkunft?
Die Direktvermarktung hat großes Potential! Die große Chance ist die Authentizität und der Dialog mit den Kunden. Der Konsument will nicht mehr standardisierte Produkte. Er will wieder mehr wissen über das Produkt, die Herstellung, den Produzenten. Er schaut genauer, wo die Lebensmittel herkommen. Einen großen Stellenwert hat auch, wie ein Lebensmittel produziert wird.
Beispiel Fleisch: Der Konsument wird künftig Fleisch nicht mehr so oft wie heute, aber dafür bewusster konsumieren. Er ist bereit, mehr zu bezahlen, will aber, dass das Tier liebevoll gehalten wurde, dass er Fleisch mit gutem Gewissen konsumieren kann. Hier bieten regionale Produkte viele Antworten. Was nicht vergessen werden darf: Nur wenn regionale Produkte die Eigenheiten einer Region vermitteln, können sie zur Marke werden.

Was sind die Südtiroler Eigenheiten, die vermittelt werden sollen?
Südtirols Landwirtschaft ist ungemein vielfältig. Auch dank des Klimas kann verschiedenstes Obst, Gemüse, Kräuter usw. angebaut werden. Ich würde mir wünschen, dass die bäuerlichen Direktvermarkter mehr Mut zur Vielfalt zeigen und den Fokus auf Spezialitäten, auf Raritäten setzen. Das wird am Ende den Erfolg ausmachen.

Machen das die heimischen Landwirte zu wenig?
Ich glaube, es ist wichtig, das eigene traditionelle Selbstverständnis weiterzuentwickeln. Die Bäuerinnen und Bauern tun gut daran, sich mit dem gesellschaftlichen Wandel auseinanderzusetzen. Es muss auch mal ein anderer Blick auf die eigene Arbeit geworfen werden. Das Credo ist, Gutes zu bewahren und gleichzeitig den Mut zu haben, neue Schritte zu gehen.

Stichwort Wandel: Wie verändern neue Medien, Smartphone, Internet usw. den Markt?
Neue Medien verändern den Markt radikal. Der Konsument kann sich verschiedenste Informationen holen, mit anderen in Kontakt treten und Meinungen teilen. Künftig muss der Konsument nicht mehr in den Supermarkt gehen, um Lebensmittel zu kaufen, oder ins Gasthaus, um zu essen. Er wird sich noch mehr als jetzt von zu Haus aus oder von unterwegs Lebensmittel oder bereits gekochte Speisen bestellen. Das ist eine Herausforderung auch für Direktvermarkter.

Interview von Michael Deltedesco

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Fachtagung

Voraussetzungen prüfen

Nicht nur Hanni Rützler, die die Gastreferentin auf der 1. Fachtagung zur Direktvermarktung des Südtiroler Bauernbundes in der Messe Bozen war, sieht in der Direktvermarktung eine große Chance für heimische Betriebe, sondern auch Hans J. Kienzl, Leiter der Abteilung Marketing im Bauernbund. Er stellte aber klar, dass es für eine erfolgreiche Direktvermarktung neben hochwertigen Rohstoffen weitere Voraussetzungen braucht. „Wichtig ist die richtige Motivation und die Freude an der Veredelung der Produkte. Daneben muss abgeklärt werden, ob die personellen Ressourcen gegeben sind, da die Direktvermarktung auch Zeit beansprucht“, sagte er. Die Grundlage für die Direktvermarktung sei eine fundierte Aus- und Weiterbildung, die das nötige Know How liefert. Und nicht zuletzt koste der Einstieg in die Direktvermarktung auch Geld. Das dürfe nicht vergessen werden.
Was bei der Auswahl des richtigen Etiketts und der Verpackung zu beachten ist, darüber sprach Hannes Knollseisen von der Abteilung Marketing (s „Südtiroler Landwirt“ Nr. 3, Seite 29). 

Videotipps:
- https://www.youtube.com/watch?v=Ms2loDt1aEQ
- https://www.youtube.com/watch?v=SzuCnPx1rsg&feature=youtu.be